Kirmes
„Kiärmiß“ von Augustin Wibbelt: „Jupheidi heida! / Laot de Musik klingen! /
’n Dahler häff’k in’n Sack, / De sall wacker springen. / Jupheidi, wi fiert!“ –
Von HANS ROCHOL
Die Kirmes ist ein weit verbreitetes Volksfest. Auch die Oelder feiern Kirmes, mitten im Sommer. Am 20. Juli steht der Margareten-Tag im Kalender. Rund um diesen Tag drehen sich die Karussells in Oelde. Das fidele Treiben hat eine lange Tradition, mit Höhen und Tiefen. Immerhin ist die Kirmes Oeldes ältestes Volksfest, das unzweifelhaft in die Jahre gekommen ist. Scheesken fahren ist momentan in Oelde eher weniger gefragt. Mal welkt das Fest, mal blüht es – die Jahre reichen es weiter durch Herbst und Frühling, schon weit über 500 Jahre lang. Hier folgt ein Überblick; eingefangen ist, was sich an Kirmes-Splittern in Oelde greifen lässt.
Um 885/886 wurde die Pfarrei Oelde aller Wahrscheinlichkeit nach gegründet. Sie stieg zum Zentrum einer größeren Gemeinde auf und erhielt folglich eine Kirche. Die Errichtung dürfte sich über einen längeren Zeitraum erstreckt haben. Es liegen keine eindeutigen Quellen vor, die über die Anfangszeit der Oelder Kirche Zeugnis ablegen.
Erst im Jahr 1457 wird mit der Münsterischen Stiftsfehde erstmals ein Ereignis greifbar, in das die Oelder Kirche als Bauwerk deutlich erkennbar eingebunden ist. Denn zwischen 1450 und 1457 tobte zwischen unterschiedlichen Parteien ein Streit um die Besetzung des Bischofstuhls in Münster und obendrein um die Herrschaft im Hochstift Münster. Die Folgen davon bekamen Oelde und Stromberg drastisch zu spüren.
Schwere Prüfungen für das Münsterland
Die kriegerische Politik damals brachte dem Hochstift, wie das weltliche Herrschaftsgebiet eines Bischofs genannt wird, freilich keinen Gewinn. In jener Zeit schwerer Prüfungen für das Münsterland fungierten Heinrich II. von Moers (1424-1450) und sein Bruder Walram I. von Moers (1450 bis 1456) als Bischöfe von Münster. Auch Ludolf von Oer (* um 1383; † nach 1460) Domherr in Münster und Besitzer von Haus Geist, war durch die Nähe zu Münsters Bischöfen von Moers in die blutigen Auseinandersetzungen verstrickt. Heinrich II. Grab befindet sich in der Stromberger Kreuzkirche (Grabplatte im Chor).
Bild links: Krug, gefunden beim Graben auf altem Paulsburg-Gelände.
Bild rechts: Grabplatte von Bischof Heinrich II. in Heiligkreuz Stromberg
Ein Margaretentag im Mittsommer
Eine neue Kirche für Oelde. Aus dem Ende des 15. Jahrhunderts stammt wohl auch diese Anna Selbdritt.
Ob 1457 die gesamte Kirche abbrannte oder ob die ehemals „Alte Sakristei“ (heute Columbakapelle) stehen blieb, müssten Sachverständige untersuchen. Gewiss ist, dass eine neue Kirche gebaut werden musste. Das ging jedoch offensichtlich wegen hoher Schulden und versunkenen Wohlstands nicht allzu schnell.
Es dauerte, bis eine Glocke wieder zum Gottesdienst in der Kirche läutete. An Stelle der alten geschändeten und damit profanierten Kirche entstand ein neues Gotteshaus, das der kirchlichen Salbung bedurfte.
Also hat eine Kirchweihe stattgefunden. Infrage kommt ein Margaretentag im Mittsommer, denn ein deutlicher Hinweis darauf und Wink ist die bis heute bestehende Margaretenkirmes. Der Margaretentag muss zudem auf einen Sonntag gefallen sein, well im…
Sommer des 15. Jahrhunderts die Landbevölkerung wochentags neben ihrer Arbeit auf den Feldern und Äckern mit Sicherheit anderes zu tun hatte als Kirchen einzuweihen und dergleichen.
Über Kirmes liest man im Duden: „Der Ausdruck für ‚Jahrmarkt, Volksfest’ geht auf mhd. kirmesse zurück, das aus kirchmesse entstanden ist. Das Wort bezeichnet zunächst die zur Einweihung einer Kirche gelesene Messe, dann das Erinnerungsfest daran und schließlich – mit Bezug auf die weltlichen Belustigungen solcher Feste – den ‚Jahrmarkt, das Volksfest‘.“
So lief das auch in Oelde ab. Zuvorderst stand die Kirchweihe an sich, dann die jährliche Erinnerung daran. Im Namen der Margareten-Kirmes ist der Kirchweihtag erhalten geblieben. Die hl. Margaret wiederum steht am 20. Juli im Heiligen-Kalender.
Täglich dreimal Erinnerung an die Weihe der Kirche
Nun gilt es zu überlegen, welches Jahr für die Kirchweihe in Frage kommen könnte. Der Blick in den Kalender der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts weist die Jahre 1460, 1466, 1477 und 1483 aus, in denen der Margaretentag auf einen Sonntag fiel. 1483 sticht hervor. Denn aus jenem Jahr stammt die älteste Glocke der Kirche, die Katharinenglocke. „Jasper me fecit“ steht auf ihr verzeichnet. Sie bimmelt immer noch dreimal am Tag zum „Angelus“ (Engel des Herrn) und erinnert damit zugleich an die Kirchweihe.
Mit dem Hinweis „Jasper hat mich gemacht“ hat sich der Glockengießer auf der Glocke verewigt. Im 15. Jahrhundert arbeiteten in Münster zwei Glockengießer des Namens Volkerus: Johannes und Jasper. Von Meister Johannes Volkerus ist u.a. eine Glocke in Vellern (1433) erhalten; Jasper, vermutlich der Sohn des Johannes, schuf die älteste erhaltene Freckenhorster Glocke, fertiggestellt im Jahre 1484, und hat offensichtlich ein Jahr zuvor (1483) bereits die Katharina-Glocke für den Kirchturm in Oelde gegossen.
Was meint 1?91?
Die Auflösung unserer Frage von Seite 1: Die Jahreszahl am Sakramentshaus in St. Johannes lautet 1491. Diese spezielle Schreibweise der Ziffer 4 findet man in Gothic-Schriften und Handschriften des späten Mittelalters (14. bis 16. Jahrhundert). Als in Europa die arabischen Ziffern die römischen Zahlen ablösten, veränderten sich die Formen der Zahlen stark. Die damalige Form der 4 glich einer Schleife oder eben einer halben, vertikal geteilten 8. Erst mit dem Aufkommen des Buchdrucks im 15. und 16. Jahrhundert setzte sich die Form der 4 durch, die wir heute nutzen.
Die heilige Margareta gilt als „Wetterfrau“.
Der Margaretentag am 20. Juli war im traditionellen bäuerlichen Kalender ein sehr wichtiger und zugleich gefürchteter Lostag (Wettertag). „Margaretenregen bringt keinen Segen“, lautete eine Wetterregel. In der Meteorologie und im Volksglauben des Mittelalters galt die heilige Margareta als „Wetterfrau“. Ihr Gedenktag markierte traditionell den Beginn der Getreideernte. War das Wetter an diesem Tag schlecht, drohte der Verlust der eingefahrenen Ernte. Regen an diesem Tag galt als Vorbote für lang anhaltendes Schlechtwetter und Missernten. Der Blick aufs Wetter in jener Zeit ist deshalb aufschlussreich.
Wenn auch die Witterung am Kirchweihtag 1483 nicht exakt überliefert ist, lassen sich einige Klimadaten doch deuten: Aus dem Juli 1483 gibt es – im Gegensatz zu extremen Wetterereignissen wie der verheerenden Dürre von 1473 – keine nennenswerten oder außergewöhnlichen Berichte über das Wetter in den historischen Chroniken für Mitteleuropa. Es handelte sich klimatisch um einen unauffälligen, normalen Sommermonat im Spätmittelalter. Im Spätmittelalter – genauer gesagt in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts – befand sich Mitteleuropa bereits im Übergang zur sogenannten Kleinen Eiszeit. Ein „normaler“ Sommermonat wie der Juli damals unterschied sich insgesamt spürbar von unseren heutigen Sommern.
Historische Klimadaten und Baumring-Analysen zeichnen folgendes Bild: Die Temperaturen bewegten sich auf kühlerem Niveau; die Durchschnittstemperaturen lagen im Schnitt etwa 1 °C bis 2 °C niedriger als im späten 20. oder frühen 21. Jahrhundert. – Ein „normaler“ Juli war mäßig warm. Richtige Hitzewellen mit Tagen weit über 30 °C waren deutlich seltener als heute. Ein typischer Julitag im Flachland brachte angenehme Temperaturen, die nach heutigen Maßstäben eher an einen milden Frühsommer oder Spätsommer (um die 20 °C bis 23 °C) erinnern. Regen machte das Wetter wechselhaft und feucht: Die Sommer des späten 15. Jahrhunderts waren generell recht instabil und feucht. Ein normaler Juli war geprägt von einem regelmäßigen Wechsel aus Sonnentagen und atlantischen Tiefdruckgebieten, die verlässlichen Regen brachten.
Die Bedeutung fürs Überleben: Der regelmäßige Mix aus Sonne und Regen im Mittelalter war überlebenswichtig. Blieb der Regen im Juli aus, drohten katastrophale Missernten beim Getreide. Da für den Juli 1483 keine Hungersnöte oder extremen Dürren verzeichnet sind, kann man von einem idealen, feucht-warmen Mix ausgehen, der die Feldfrüchte gut reifen ließ. Zusammengefasst heißt das: Ein normaler Juli in jener Zeit war aus heutiger Sicht eher mäßig warm, recht wechselhaft und gut durchfeuchtet – perfekt für die damalige Landwirtschaft
Ende des 4. Jahrhunderts in Jerusalem nachgewiesen
Der Brauch, Kirchweih zu feiern, ist uralt; er lässt sich Ende des 4. Jahrhunderts erstmals in Jerusalem nachweisen. Im Westen ist er seit dem 5. Jahrhundert bezeugt, früh schon angereichert mit Volksbräuchen.
Jenseits der liturgischen Feier wird die Kirmes seit dem Mittelalter zum wichtigsten bäuerlichen Jahresfest. Mit üppigem Essen und Trinken, Tanz und anderen Volksbelustigungen dauerte das Fest, das die ganze Sippe zusammenführte (oft mit Totengedenken am zweiten Tag) mehrere Tage; regional gab es eine Nachkirmes am achten Tag.
Die Obrigkeit sah sich nicht selten veranlasst, gegen „Ausschweifungen“ einzuschreiten. Die im Geist der Aufklärung verfügten Feiertagsreduktionen des 18. Jahrhunderts ordneten deshalb aus liturgiefremden Motiven durchweg ein einheitliches Datum für die Feier der Kirchweihe an, wobei sich allerdings vielfach Volkswiderstand regte.
Bis 1769 haben die Oelder mit Blick auf den 20. Juli Kirchweih gefeiert, und zwar als ihre ureigene lokale Festlichkeit. Wo und wie sie feierten, entzieht sich dem Wissen. Die Fläche rund um die Kirche stand nicht zur Verfügung, befand sich dort doch der Friedhof samt dem aus Holz gezimmerten Beinhaus mit all seinen Dünsten und Gerüchen. Einen Marktplatz gab es noch nicht. Eigentlich kamen nur die Altstadtkneipen in Frage, über die Oelde reichlich verfügte.
Mit bischöflicher Verfügung vom 15. März 1770 wurden dann alle Kirchweihfeste (mit Ausnahme der Kathedralkirche in Münster) auf den dritten Oktobersonntag verlegt und sollten fortan „ohne alle Gastmahlen und weltliche Lustbarkeiten“ begangen werden. Dennoch, die Margaretenkirmes löste sich von der kirchlichen Erinnerungsfeier an den Weihetag der Kirche und blieb als weltliches Volksfest erhalten. Eigentlich erstaunlich, denn der Bischof war zugleich Landesherr und hätte in dieser Eigenschaft den Wegfall des Festes anordnen können. Manchmal hilft es, wenn Schafe sich wehren.
Vielleicht ging es wirklich zu, wie es Augustin Wibbelt auf Platt schildert: „Wat Pastor auk segg: / Enmol sick besupen, / Dat is nich to viell. / Kann nao Hus jä krupen, / Denn wi häfft vandage Kiärmiß.“
Heilige Drei Jungfrauen
Margareta, von den Griechen Marina genannt, ist mit Barbara und Katharina eine der drei Virgines Capitales: Heilige Drei Jungfrauen. Es handelt sich um Heilige, die sowohl Jungfrauen als auch Märtyrinnen waren. Zur Einprägung der Heiligen und ihrer Attribute gibt es den volkstümlichen Merkspruch: „Margareta mit dem Wurm, Barbara mit dem Turm, Katharina mit dem Radl, das sind die drei heiligen Madl.“ In Montefiascone in der italienischen Provinz Viterbo, einem malerischen Städtchen hoch über dem Bolsena-See, ist der Dom S. Margherita inmitten des Ortes der Märtyrerin geweiht.
Margareta kam laut Legende in der zweiten Hälfte des 3. Jahrhunderts als Tochter eines heidnischen Ehepaares in Antiochia zur Welt. Die Amme, eine überzeugte Christin, erzog das Mädchen von Geburt an im christlichen Glauben. Als der Vater nach Jahren die
Abkehr seiner Tochter vom Götzendienst bemerkte, zeigte er Margareta beim Statthalter Olybrius an. Dieser war von der Schönheit des jungen Mädchens so angetan, dass er versuchte, es vom Christentum abzubringen, um es zu seiner Frau zu machen. Margareta, die wusste, in welche Gefahr sie sich mit einer Abweisung der Anträge des Olybrius begab, erklärte dem Statthalter dennoch unerschrocken, sie habe ihr Leben ihrem himmlischen Bräutigam Jesus Christus geweiht. „Darfst du denn verlangen, dass ich den Himmel aufgebe und dafür den Staub der Erde wähle?“ fragte sie mutig. Der in seinem männlichen Stolz verletzte Olybrius ließ Margareta daraufhin mit Fackeln brennen, an den Haaren aufhängen und geißeln. Die erlittenen schweren Verwundungen der Christin sollen schon tags darauf auf wunderbare Weise verheilt gewesen sein.
Die Legende erzählt viel über Margareta. Demnach ist der jungen Frau im Kerker des Nachts ein Drache (der Teufel!) erschienen, der sie verschlingen wollte. Als Margareta das Kreuzzeichen machte, verschwand das Ungeheuer Knall auf Fall. Margareta mit dem Wurm symbolisiert ihre Fähigkeit, den Teufel (Wurm) mit dem Kreuzzeichen zu besiegen. Als sich bei allen diesen Wunderdingen im Volk immer mehr Unruhe ausbreitete und sich viele Heiden taufen ließen, kannte der Zorn des Statthalters keine Grenzen mehr. Olybrius ordnete die Enthauptung der jungen Christin an, die sodann an öffentlicher Stelle vollzogen wurde. Das Todesjahr Margaretas war das Jahr 305 – die Zeit des grausamen Diocletian. Ihre Vita erinnert an die Lebensgeschichte der Pfarrpatronin Columba.
Es ist schon bemerkenswert. Oelde hat mit Johannes dem Täufer und Columba zwei Pfarrpatrone, die enthauptet wurden. Mit Margareta, an deren Festtag Kirchweih stattfand und Kirmes gefeiert wird, kommt eine weitere Heilige hinzu, die geköpft wurde. Auch Paulus, der Bistumspatron, ist womöglich enthauptet worden. Alle haben sie den Kopf verloren um des Himmelreiches willen.
Sieben Pfarrgemeinden im Bistum Münster berufen sich auf die Heilige des 20. Juli, darunter Wadersloh und Ostenfelde. In Oelde trägt das Kirchweihfest den Namen der heiligen Margareta. Besonders häufig findet man sie mit einem Drachen abgebildet, so an der Kirche in Ostenfelde. In Wadersloh hängt ein Halbrelief von 1520 der Margareta von Antiochien an der Säule neben dem Hochaltar; in Oelde dagegen gibt es keine plastische Darstellung der Heiligen. Stattdessen erinnert die weltliche Margaretenkirmes an die Heilige.
In Münster fand zu St. Margaret Send statt. Für die Bauern war der Tag einer der wichtigsten Lostage des Jahres. War das Wetter zuvor gut, begann am 20. Juli die Ernte; zudem wurde der bäuerliche Pachtzins bezahlt. Magareta, Patronin des Nährstandes, ist nicht von ungefähr Patronin der Bauern, zudem der Jungfrauen, Ammen, Gebärenden, der Ehefrauen, Mädchen; bei schwerer Geburt wird sie angerufen, gegen Unfruchtbarkeit; bei Gesichtskrankheiten und Wunden; sie ist Schutzherrin der Fruchtbarkeit, zuvorderst Nothelferin.
Mit den Prokuristen Gottes auf Du
Alois Schröer schreibt in „Die Kirche in Westfalen vor der Reformation“ u.a.: „Die Heiligen wurden die vertrauten Freunde des Menschen. Sie gehörten zum Alltagsleben. Sie waren gekleidet und ausgerüstet wie das Volk selbst. Man kannte ihre Legende bis in die Einzelheiten und stand mit ihnen gewissermaßen auf Du. Sie wurden die unentbehrlichen Helfer in den Sorgen des Lebens, in der Not der Kriege, Fehden und Seuchen, von denen Land und Volk heimgesucht wurden. In Übereinstimmung mit der landläufigen Homiletik (Predigt-Lehre) war das Volk der Meinung, Gott habe dem einzelnen Heiligen das Privileg verliehen, in bestimmten Anliegen und Nöten Hilfe zu gewähren. Oft gab ein Zug aus der Legende oder ein Attribut des Bildes den Anlass zu dieser Differenzierung. Die Heiligen waren gleichsam die Prokuristen Gottes geworden.“
Margareta – Patronin des Nährstandes (Fest am 20. Juli), Katharina – Patronin des Lehrstandes (Fest am 25. November), Barbara – Patronin des Wehrstandes (Fest am 4. Dezember): die Verehrung der drei weiblichen Nothelfer, deren Kult sich in Westfalen bis in das 11. und 12. Jahrhundert zurückverfolgen lässt, nahm mit dem Beginn des 14. Jahrhunderts einen steilen Anstieg, der um 1500 seinen Höhepunkt erreichte. Es war die Zeit der Oelder Kirchweihe. Der sommerliche Margaretentag hat es halt in sich.
’t is nich alle Dage Kiärmiß
Über Kirmes spricht man nicht immer nur freundlich, sondern man verteufelt sie auch. Pro und Contra stehen sich gegenüber. So berichtete die Glocke 1923 aus Iburg beispielsweise: „Die Geistlichkeit des Fleckens Iburg, katholische wie evangelische, hat mit Befremden davon Kenntnis genommen, daß seitens der zuständigen Behörden die Einführung einer Kirmes genehmigt worden ist. …. Unsere jetzige schwer gedrückte Zeit ist wahrhaftig nicht danach angetan, eine Kirmes hier einzuführen, die einzig und allein den Zweck hat, die Vergnügungssucht zu fördern. Unzählige in unserem Vaterlande wissen bei der ungeheuren Teuerung nicht, wie sie das tägliche Brot und die notwendige Kleidung sich verschaffen sollen. …
Angesichte dieser Tatsachen wagt man es, die Bewohner Iburgs zum Tanzen und zum Trinken zu veranlassen! Die oftmaligen nächtlichen Ruhestörungen hier in Iburg zeugen davon, daß dem Laster der Trunksucht sowieso schon im Übermaß gehuldigt wird. … wir fordern unsere Gemeindemitglieder auf, die Kirmes nicht mitzufeiern.“ Diese Meldung in der Oelder Glocke über Iburger Verhältnisse liest sich wie eine Warnung ans heimische Publikum. Hierzu passt gut die dritte Strophe des Gedichtes „Kiärmiß“ von Augustin Wibbelt. Reichlich verdrießlich heißt es dort: „Alles gonk heidi. Un den annern Muorgen was kin Braut in’t Schapp, Frau moß gaohn un buorgen – ’t is nich alle Dage Kiärmiß.“
Ganz anders klingt allerdings ein Glocke-Artikel von 1927 über die Oelder „Margaretenkirmes. „Der Festlichkeiten gibt es heutzutage viele; aber Kirmes ist nur einmal im Jahre. Unter dieser Devise steht auch die heutige Margaretenkirmes. Deshalb war es gar nicht zu verwundern, daß sich der Kirchplatz so schnell nach dem Hochamte leerte, Jung und Alt bewegte sich in Eilmärschen zum neuen Markt am Stromberger Tor. Echte Kirmesmusik tönte durch die Straßen: der billige Jakob pries allen, denen nach überstandener Inflation der Bauchriemen wieder zu kurz geworden ist, seine billigen Hosenträger an. Der billige Jakob macht ein Stück der Kirmes aus, der große Zulauf, der Massenumsatz, gestatten es ihm, die Preise niedrig zu halten. Man muss sich fast wundern, daß er noch dabei leben kann. Aber wie die Schwalben im Frühjahr, so kehrt er immer wieder, ein Zeichen, daß er auf seine Rechnung kommt.“
„Glückliche Väter belagern die Karussells, um ihre Kleinen auf die stolzen Pferdchen zu heben. Wer ein besonders lockerer Vogel ist, wagt sich in das luftige Kettenkarussell. Lohengrin-Schwärmer fahren sogar mit dem stolzen Schwan. Alle, die eine längere Tour hinter sich haben, finden Gelegenheit, ihren Durst in Kleinhaus‘ Restaurationszelt mit edlem Gerstensaft zu löschen. Und wenn die Kirmesmutter ihre Bonbons und Schokolade anpreist, dann weiß sie ganz genau, daß der Papa für seine Mama an diesem Tage eine „Kirmes“ kauft und „Er“ natürlich für seine Liebste erst recht. Tanzlustige wiegen sich nach den Klängen einer Jazzkapelle.“
„Jedes Los gewinnt hier; wer nicht gewinnt, bekommt sein Geld zurück“, so ertönt es aus einer anderen Gegend. Im Panorama „Rund um die Welt“ zeigt sich ein Mädchen mit zwei Köpfen. In der Wanderschau knickt der größte Kraftmensch Europas einen fünfzölligen Nagel wie ein Streichholz. Kettenkünstler zerreißen die festeste Kette an jeder beliebigen Stelle. Entfesselungskünstler lassen sich fesseln und haben sich – zum Staunen aller Zuschauer – in kurzer Zeit ihrer Fesseln entledigt. Wer sich noch nicht im Bilde gesehen hat, kann in 5 Minuten gefilmt nach Hause gehen.“
Der Redakteur fährt fort: „Alles drängt sich zum Glücksrad; denn die großartigen Gewinne ziehen an. Und wer das „Miele“-Rad gewinnt, wird bestimmt, schon des Reimes wegen, schnell zum Ziele kommen.“
Das erfordert eine Erklärung: Bei dem „Reim“, auf den sich der Redakteur der Glocke von 1927 bezieht, handelt es sich um den extrem populären Werbeslogan, mit dem Miele damals seine Fahrräder (und Motorräder) vermarktete: „Miele auf der Diele – Miele am Ziele.“ Der Slogan war in den 1920ern allgegenwärtig. Der Redakteur spielt mit zwei Ebenen: Wer also ein Miele-Rad besitzt, kommt (laut Werbeschlagwort) immer sicher und schnell an sein Ziel. „Miele am Ziele“ sollte Qualität suggerieren, dass man mit der soliden Technik aus Gütersloh/Bielefeld keine Pannen hat und somit garantiert ankommt.
Kleiner Einblick in die damalige Zeit: einst war die Diele (der Hausflur) oft der Ort, an dem das wertvolle Fahrrad sicher abgestellt wurde, wenn man nach Hause kam. Daher der vollständige Vers: „Miele auf der Diele, Miele am Ziele.“
Hernach muss der Redakteur wohl mit dem Fahrrad oder Bahn durch die Bayern-Kurve in die Berge gefahren sein, denn er fabuliert: „Hat einer zu viel von dem leckeren Alpenbrot gegessen, so genehmigt er sich einen Schwarze’schen Steinhäger Extra, und die Magenstimmung ist so gründlich kuriert, daß er wieder die Kraft in sich fühlt, den Lukas zu hauen, bis die Lappen fliegen.“
Er (oder sie) schwärmt weiter: „Das ist Margaretenkirmes in Oelde. Drum, wenn jemand für einige Stunden die Sorgen des Alltags vergessen will, dann suche er diese Stätte vielseitigen Trubels auf. Die Margaretenkirmes in Oelde ist ein Volksfest im wahren Sinne des Wortes. Wenn sie eine besondere Zugkraft auf die Bürgerschaft ausübt, so ist das ein Beweis, daß ihr der alte Charakter gewahrt bleiben soll, in Jubel und Tanz dem Schöpfer der Ernte zu danken.“
In der „Glocke“ vom 18. November 1928 findet sich zum Ort des Geschehens ein weiterer interessanter Bericht, diesmal aus einer Sitzung des Gewerbevereins. Darin heißt es, daß Herr vom Kolke eine Eingabe des Oelder Wirtevereins zur Verlesung brachte, „in der der Verein darüber Beschwerde führt, dass die Margaretenkirmes auf den neuen Marktplatz am Stromberger Tor (Sommers Wiese) konzentriert worden sei, anstatt sie, wie es jetzt die Stadt Wiedenbrück sehr mit Vorteil getan und andere Gemeinden mit historischen Kirmessen und Märkten es schon immer geübt hätten, auf die ganze Stadt zu verteilen. Für Handel und Gewerbe in Oelde habe die Kirmes überhaupt nur dann Bedeutung, wenn ihr am Montag ein Viehmarkt folge.
Weiterhin verlangt der Wirteverein, dass die Stadtverwaltung das Oelder Wirtegewerbe in Zukunft nicht mehr dadurch schädige, dass sie auf dem Kirmesplatze Tanz- und Restaurationszelte errichten lasse und deren Betrieb öffentlich meistbietend verpachte. Die Verpflegung der Kirmesgäste und die Schaffung von Tanzgelegenheit möge die Stadt dem ansässigen Wirtegewerbe überlassen.“ Und so ist laut „Glocke“ entschieden worden. „… wurde beschlossen, die Eingabe des Wirtevereins befürwortend an die Stadtverwaltung weiterzugeben.
Schwere Wolken zogen übers Land. Aus der Nazi-Zeit ist über eine Kirmes nichts zu finden, es kann auch allenfalls eine Gespenster-Bahn aufgebaut gewesen sein.
Mit Feuerwehr und Leiter
In den 1950er Jahren erlebte die weltliche Kirmes dann eine Auferstehung, weiter auf Sommers Wiese. Fahrgeschäfte waren hinzugekommen. Unter den zahlreichen Geschäften entdeckte man zuerst die Bude mit Lohmanns schwarzen Zuckerstangen, gleich daneben Gehners nostalgisch entzückendes Kinderkarussell mit springenden Holzpferdchen und variablen „Drehmomenten“. Wer einstieg, bekam musikalisch-mechanisch Smetanas Polka „Unseren Mädchen“ mit Schlagzeug serviert. Ein Autokarussel mit Feuerwehr-Leiter fehlte natürlich auch nicht.
Zur Platzmitte hin stand das Kettenkarussell; seitlich lud die Schiffschaukel zur sportlichen Betätigung ein, selbstverständlich im Schiff mit Sitzen für die weibliche Begleitung als „erschwerendes Element“. Jungen, die sich an Stangen festhielten, übernahmen im Stehen das Schaukeln. Mädchen hatten gefälligst zu sitzen. Denn im Röckchen stehend zu schaukeln, geziemte sich nicht, und Jeans waren zu selbiger Zeit noch nicht in Mode.
Zur Platzmitte hin stand das Kettenkarussell; seitlich lud die Schiffschaukel zur sportlichen Betätigung ein, selbstverständlich im Schiff mit Sitzen für die weibliche Begleitung als „erschwerendes Element“. Jungen, die sich an Stangen festhielten, übernahmen im Stehen das Schaukeln. Mädchen hatten gefälligst zu sitzen. Denn im Röckchen stehend zu schaukeln, geziemte sich nicht, und Jeans waren noch nicht in Mode. – Schießbude, Losverkauf mit Gewinnmöglichkeiten bis hin zum prächtigen Kuscheltier, Waffel- und Eisbude usw. waren selbstverständlich ebenfalls vertreten, gelegentlich sogar eine Geisterbahn.
Wer schwindelfrei war und die Höhe liebte, stieg ins Riesenrad und erlebte bei der Abfahrt das gewisse Prickeln im Bauch. Autoselbstfahrer waren zu jener Zeit besonders beliebt, war man darin zu zweit doch schon in jungen Jahren ohne Führerschein und stattdessen mit Schmackes auf der Piste.
Hinten auf dem Platz drehte sich die Raketenfahrt zum Mond oder die Raupe mit dem Verdeck, unter dessen klappbaren Sichtschutz schon mal heimlich geküsst wurde, was – weil streng verboten – besonders reizvoll war. Wer in jungen Jahren nicht unbedingt schon früh zum Himmel strebte, schnappte zu und züngelte. Kirchlicherseits wäre laut des damaligen Pfarrers allenfalls noch mit geschlossen Augen hingenommen worden: Mit „Zu-em Mund auf zu-em Mund!“ Was der geistliche Herr selbstverständlich aber auch nur verheirateten Paaren zugestand und bei diesem Ratschlag die Mundwinkel schief hochzog.
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Als nach dem Bau der Konrad-Adenauer-Allee 1976 Sommers Wiese nicht mehr zur Verfügung stand, wurde die Kirmes zur alten Jahnkampfbahn an den Stadtrand verlegt. Die Verlegung und der Umstand, dass sie zumeist in die Schulferien fiel, haben der Oelder Kirmes zugesetzt. 1990 kehrte sie kurz vor dem Kollaps auf Anregung des Oelder Heimatvereins und mit Unterstützung der Pfarrgemeinde an ihren Ursprungsort zurück in die Innenstadt rund um St. Johannes.